Kann ich Führung lernen?

24.10.2018

Diese Frage bekomme ich häufig von Kunden gestellt. Manchmal steckt die Vorstellung dahinter, dass man Führung entweder beherrscht oder eben nicht – 1 oder Null. Ich persönlich denke, Führung muss man sogar lernen. Und dieser Lernprozess ergibt sich nicht zwangsläufig als Nebenprodukt einer Karriere, sondern braucht Zeit, Selbstreflexion, Engagement, Feedback… -die ganze Palette notwendiger Ingredienzien persönlicher Entwicklungsprozesse.

Führung ist Selbstführung

Führung wird zunächst unterteilt in Management (of complexity) und leadership (of people). Letzteres wird dann oft in zwei Bereiche untergliedert, was aus meiner Sicht eine irreführende Trivialisierung darstellt, aber dazu an anderer Stelle mehr: Mitarbeiterführung aus der Rolle des Vorgesetzten heraus oder laterale Führung wie etwa im Projektgeschäft.
Als Antwort auf die an mich gestellte Frage möchte ich folgenden grundlegenden Aspekt von Führung betrachten:Selbstführung oder im Fachjargon Selbstregulation: Wie gehe ich mit mir selbst um? Bin ich hartnäckig oder gebe ich schnell auf? Kann ich Ziele erreichen oder biege ich sofort ab, wenn es schwierig wird? Kann ich mich selbst motivieren und trösten? Wie gehe ich mit meinen eigenen Gefühlen um? All das macht einen großen Teil von Führung aus. Und all das lässt sich durch lernen und trainieren verbessern und vertiefen. Sicher: Menschen haben hier ein unterschiedliches Ausgangsniveau. Manche sind sehr begabt, mögen Menschen, können offen und empathisch auf sie zugehen, sind selbst gut beeltert worden – die perfekte Pole-Position für jede Art von Führungsarbeit. Andere wiederum haben solche Voraussetzungen nicht. Trotzdem können sie gute Führungskräfte werden.

Führung lernen: Fachliteratur, Seminare, Coaching

Wie lässt sich Führung lernen? Am besten multidirektional: über viele verschiedene Kanäle. Viele Menschen lesen entsprechende Fachliteratur oder besuchen Seminare. Das sind sehr gute Möglichkeiten. Die beste ist jedoch ein Coaching – denn es orientiert sich nicht am Durchschnitt der Zielgruppe (wie Literatur oder Seminare), sondern ist wie ein Pfeil: perfekt auf jeden Einzelnen zugespitzt und alltagsnah, was den Lerntransfer zusätzlich beflügelt: Reale Erlebnisse können reflektiert und persönlich bewertet werden. Gutes kann vertieft und ausgebaut werden, weniger Gelingendes verändert werden. Ein persönlicher Lern- und Wachstumsprozess geht Hand in Hand mit einer wachsenden Professionalisierung.
Ein weiterer Schritt, den jeder auf dem Weg zu einer guten Führungskraft gehen kann: die Scheu vor Rückmeldungen ablegen und Mitarbeitenden viele Fragen stellen. Zum Beispiel: „Was brauchen Sie von mir, um Ihren Job gut zu machen? Was ist hilfreich, was nicht?“ Diese Art von Interaktion mit Mitarbeitern funktioniert nur, wenn sie ehrlich ist, also wenn für den Fragestellenden, die Antwort wichtig ist.

Haltung ist entscheidend

Um andere gut führen zu können, ist es entscheidend, in Beziehung zu sich selbst zu treten. Führung als Lernprozess gelingt von innen nach außen – und dabei erntet man schlussendlich, was man sät. Wer Führung als Karriereschritt sieht und/oder als Lästigkeit empfindet, wird vermutlich in seiner persönlichen Mikroevolution nie über den Reifegrad eines Vor-Gesetzten hinaus kommen.

Wer bereit ist, die Komfortzone bisheriger fach- und sachzentrierter Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster zu durchbrechen um neue menschenzentrierte Muster zu entwickeln, kann zunächst die Taschenlampe nach innen drehen, wird durch großartige Schätze belohnt werden und wird dann durch neue Gestaltungsmöglichkeiten mit anderen beschenkt. Vorgesetzte, die sich mit Interesse an Menschen, der Freude am gemeinsamen Wachsen und Performen, diesem persönlichen und professionellen Entwicklungsprozess stellen, werden als Führungspersönlichkeiten wahrgenommen und führen auf einem ganz anderen Niveau. Dieses Niveau lässt sich am besten über reflektierte (Selbst-)Erfahrungen erreichen.