Es gibt den perfekten Moment. Die Sonne scheint, der Sand ist warm, das Meer glitzert verheißungsvoll bis zum Horizont. Wo ich auch hinschaue, mein Auge findet Frieden. Die Dünenlandschaft mit dem von mir heißgeliebtem Gras und der Himmel sehen wunderschön zusammen aus und ich schaffe es sogar, ein Bild zu machen und teile es auf social media.

Was kurz darauf passiert, zeigt mir die vielbeschworene fassadere Charakteristik von social media posts – direkt und unverblümt – als Selbsterfahrungstrip. Vom Feinsten!

 

Das Kind spielt mit seiner Freundin an der Wasserkante und auch unsere beiden Hündinnen, Fluse und Inge, rasen miteinander durch Wasser und Sand. Die eine frei, die andere an ihrer obligatorischen 20 m Schleppleine, die uns schon manches Mal erlaubt hat, sie noch rechtzeitig zu halten.

Dieses Mal leider nicht.

Aus dem Nichts, ohne jeden erkennbaren Grund, dreht dieser Hund ab und rast raketengleich vom Meer zur Düne hinauf und ist weg.

Zunächst glauben wir noch an eine Rückkehr. Natürlich laufen wir in der uns schnellst möglichen Geschwindigkeit ebenfalls zu den Dünen und durchkämmen so gut es geht, die dahinter liegende Landschaft. Nichts. 

 

Nichts

Nach Stunden geht die Sonne unter, es wird kalt und dunkel. Ich bleibe alleine zurück am Strand in der Hoffnung, dass sie zurück kommt. Nichts.

Allein und verzagt, frierend am dunklen Strand zu sitzen hat so gar nichts von dem initial perfekten Moment. Das Rauschen der Wellen empfinde ich nun als penetrant, leider ist es nicht laut genug, um den Sturm in meinem Inneren zu übertönen: ein zähes Gemisch aus Selbstvorwürfen, Sorge, Selbstmitleid, Wut und Erschöpfung gärt in mir.

 

Ich gehe mit schwerem Herzen und schweren Beinen zurück zum Ferienhaus. Jeder, der mir begegnet, wird angesprochen. Wie schnell ich wildfremden Leuten meine Handynummer gebe, wenn es die Situation verlangt.

Es ist Ostersonntag auf Ameland. Selbst die Polizei hat frei. Noch immer voller Hoffnung streuen wir die diesbezügliche Kommunikation: Rezeptionen von Ferienparks, Hotels, Restaurants, Bauernhöfe, Pferdehöfe, jeder, der es hören will oder auch nicht, wird informiert, dass wir unseren Hund suchen.

 

Auch in der Nacht laufe ich, so gut es geht, umher und rufe. Nichts.

Als sie am nächsten Morgen nicht vor der Tür unseres Ferienhauses liegt, „weiß“ ich, sie kann nicht! Mein ganzes Leben habe ich mit Tieren verbracht. Ich habe kein Bindungsproblem, auch nicht mit Fluse, deren freundliche Unverbindlichkeit uns bereits das ein und andere Mal ratlos hinterlassen hat.

 

Eigentlich wollten wir heute nach Hause fahren. Ohne Hund die Fähre zu betreten, ist jedoch undenkbar. Also verlängern wir unseren „Urlaub“ um weitere zwei Tage.

Drei Tage sind unter den herrschenden Wetterbedingungen sowieso hoch geschätzt, bevor ein Hund verdurstet. Ihr haltet mich jetzt für hysterisch??! Have we met??!!!!!

 

Solidarität

 

Der nächste Tag ist wieder ein Werktag und bietet mehr Möglichkeiten. Selbstverständlich wird Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt: Polizei, Feuerwehr, die Tierrettung, jemand mit einer Drohne sowie eine Jägerstaffel mit ihren Hunden und zahlreiche Privatpersonen suchen unseren Hund. Und nein, das ist keine Übertreibung zur Veranschaulichung – genau so war es. Wer mich kennt, weiß, ich kann sehr überzeugend sein! Gefühlt sucht die ganze Insel den Hund – nicht eine einzige Sichtung. Nichts.

 

Wir sitzen weinend auf der Terrasse unseres Ferienhauses. Nein, dafür schäme ich mich nicht. Um die Ecke kommt Mike. Fitnessgestählt, braungebrannt und wild entschlossen. Ob wir die Leute seien, deren Hund abhanden gekommen wäre?! Er würde den jetzt finden.

Ich kann nicht anders, als an den kleinen Tiger zu denken, der immer Pilze finden geht und erneut Hoffnung zu schöpfen. Mein Selbsterfahrungstrip zeigt mir wieder, wie wichtig Solidaritäts-und Gemeinschaftserlebnisse sind, um sich resilient verhalten zu können. In diesem Moment weiß ich es wieder: Egal, wie die Sache hier ausgeht. Das Leben meint es gut!

 

Natürlich laufen wir selbst ebenfalls immer wieder stundenlang durch die Gegend. Bei brütender Hitze in völlig inadäquaten Schuhen für ein solches Unterfangen, egal.

Fun fact: die 50er Sonnencreme hält die Dauerbelastung nicht durch und ich sehe inzwischen (=nachdem die Rötung abgeklungen ist) aus, als hätte ich meine Osterferien in der Karibik verbracht! 🙂 Ja, verdammt, das steht mir sehr gut!

 

Beim Suchen entdecke ich einen Mann, der ein paar hundert Meter ebenfalls Gebüsche inspiziert und mir zuruft: „I am searching a dog!“ und ich antworte: „You are searching my dog!“ Ein paar hundert Meter laufen wir zusammen, dann trennen sich unsere Wege wieder.

 

Eine Gruppe Mädels, die mit einem Beiboot ihres Segelschiffes einen Ausflug zur Insel machen, helfen mir. Sofort wird sich organisiert und in Zweier – Teams die Landschaft durchkämmt. Als sie zurück zu ihrem Segelboot müssen, bekomme ich einen Haufen persönlicher Nachrichten mit vielen gedrückten Daumen.

Die Insulaner teilen die Nachricht online und offline. Inzwischen spreche nicht ich Leute an, sondern werde angesprochen. Vom Hund keine Spur, kein Piep. Nichts.

 

Ich spreche mit meiner Tochter erneut Klartext:

Dass es sein kann, dass wir ohne Fluse nach Hause fahren müssen.

Dass es sein kann, dass wir sie nicht wieder kriegen.

Dass es sein kann, dass sie tot ist.

Sie will nichts davon hören und setzt mir ihren unerschütterlichen Widerstand gegen einen solchen Ausgang entgegen. Das geht gar nicht!

 

Mein Mann, der Held!

 

Schließlich findet mein Mann sie. Im letzten Moment = real time: am Abend unseres letzten Tages. Wäre er anders drauf, würde nun eine fulminante Karriere als Tiertelepath auf ihn warten. Der Hund hat auch noch Umgebungsfarbe. In Gebüsch auf sandigem Untergrund und einer Menge Brauntönen ist er unauffindbar. Die Drohne hatte keine Chance. Aber mein Mann findet sie. Total verheddert, nicht -einen -Milimeter -vor -noch -zurück -könnend in einem Gebüsch, von dem es Hunderte auf 40 km gibt.

 

Wir sitzen auf der Terrasse als er mit ihr um die Ecke kommt. Es wird wieder viel geweint. Der Hund trinkt bis zum Abwinken, frisst ein wenig aus der Hand und rollt sich dann glücklich zusammen und schläft. Auch unser restlicher Abend nimmt einen ähnlichen Ablauf.

 

Am nächsten Morgen können wir endlich alle zusammen nach Hause fahren.

Tagelang erhalte ich Nachrichten von Menschen, die sich entweder erkundigen oder ihre Freude über den glücklichen Ausgang ausdrücken.

 

Das Gute im Schlechten

 

Das sogenannte Gute im Schlechten ist so lange ein alter Hut, bis es erlebt wird. Ich kann euch nicht sagen, wie dankbar ich für diese Erfahrung bin, die mir so überzeugend zeigt, wie viele großartige, hilfsbereite, mitfühlende Menschen es gibt.

Resilienz ist nicht etwas, was wir sind, sondern etwas, was wir TUN –

und

etwas, was wir geschenkt bekommen!

Durch die Unterstützung von Anderen! Unser gutes altes, hochleistungsfähiges Säugetiergehirn hilft uns ebenfalls dabei, hilfesuchende Verhaltensweisen zu initieren und erinnert uns daran: Wir gehören zusammen. Alle miteinander.

Diesen schlichten und gleichzeitig inkonsumerablen Tatbestand unseres Lebens habe ich gerade mal wieder klar vor Augen.

 

Die Osterferien sind zu Ende. Und ich? – Könnte jetzt erstmal Urlaub gebrauchen.